INTERVIEW VON GILLES LAFON, PRISM' EMPLOI

«Die Zeitarbeit kann eine treibende Kraft des Wirtschaftsaufschwungs sein» (Gilles Lafon, Prism’emploi)

• Abschaffung der Wartezeit zwischen zwei Zeitarbeitsverträgen
• Schaffung von Sonderbedingungen für die Wiederaufnahme der Berufstätigkeit nach einer Arbeitsunterbrechung im Zusammenhang mit Covid-19: Dies soll Angehörigen der schwächsten Personengruppen (Personen mit beruflichen Eingliederungsproblemen, Personen unter 30 und ab 50 Jahren) die Rückkehr auf den Arbeitsmarkt erleichtern.
• Senkung der Arbeitskosten in der Zeitarbeit zwecks Förderung fairer Wettbewerbsbedingungen:
- kein Bonus-/Malussystem bei den Arbeitslosenversicherungsbeiträgen,
- Einführung von Sonderbeitragssätzen, um den am stärksten von der Krise betroffenen Personen den Zugang beziehungsweise die Rückkehr auf den Arbeitsmarkt zur erleichtern (besonders junge und alte Erwerbspersonen, Erwerbspersonen mit Behinderung, Langzeitarbeitslose etc.).
• Abschaffung des klassischen Grunds für den Einsatz von Zeitarbeitern (Vertretung oder Auftragsspitzen) und Verlängerung der maximalen Einsatzdauer bei Angestellten mit unbefristeten Zeitarbeitsverträgen (36 Monate).

Diese Forderungen nach flexibleren rechtlichen Rahmenbedingungen für die Zeitarbeit wurden am 10.02.2021 von Prism‘emploi, dem größten französischen Arbeitgeberverband der Zeitarbeitsbranche, anlässlich seines Jahresrückblicks 2020 vorgestellt, „um dem Flexibilitätsbedarf der Unternehmen in der aktuellen Krise gerecht
zu werden“.

„Vor dem Hintergrund der beispiellosen Krise, die wir gegenwärtig durchlaufen, wurde unsere gesamte Branche geschlossen tätig, um unseren Arbeitnehmern, sowohl den Festangestellten als auch den Leiharbeitern, Hilfe zu leisten, sie zu leiten sowie ihre berufliche Stellung zu sichern; dies geschah insbesondere durch die Unterzeichnung einer Personalplanungsvereinbarung in unserer Branche am 10.07.2020. Die Bilanz für 2020 fällt mit dem Wegfall von 185 000 Leiharbeitsstellen schlecht aus, aber die
Zeitarbeit kann eine treibende Kraft des Wirtschaftsaufschwungs sein, den wir uns alle wünschen“, erklärt Gilles Lafon, Vorsitzender von Prism‘emploi.

Die Aufgaben für 2021

Die Bedeutung der Zeitarbeit für den Aufschwung
„Die wirtschaftliche Lage bleibt weiterhin sehr ungewiss. Auch wenn in manchen Branchen die Nachfrage wieder anzieht oder gar Wachstum zu verzeichnen ist (insbesondere dank der Digitalisierung),sieht es in weiten Teilen der Wirtschaft aufgrund der Rezession düster aus.“

Besonders vor dem Hintergrund dieser insgesamt instabilen wirtschaftlichen Situation spielt die Zeitarbeit eine wichtige Rolle bei der Förderung der Wirtschaftstätigkeit und gleichzeitiger Gewährleistung eines Arbeitnehmerschutzes.

Der Sektor möchte Zeitarbeiter weiterhin bei Umschulungsmaßnahmen über den Einsatz des brancheneigenen Maßnahmenangebots unterstützen.

Prism’emploi wünscht sich mehr denn je den Erhalt des vollständigen Schutzes (Gesundheitsschutz, soziale Absicherung, wirtschaftlicher Schutz, Statussicherung) aller Arbeitnehmer. Die Entwicklung digitaler Vermittlungsplattformen müsste im Rahmen der für die Zeitarbeit geltenden gesetzlichen Bestimmungen unter vollständiger Berücksichtigung des Status der Zeitarbeiter erfolgen.

Gesellschaftliche Aufgaben
Als eine der wichtigsten Aufgaben, vor denen wir im Jahr 2021 stehen, nennt Prism‘emploi die Reformierung des Arbeitsschutzsystems, von dem die Vereinigung der Meinung ist, dass es „nicht richtig funktioniert“. Es werden unterschiedliche Vorschläge unterbreitet:
• gezielte Unterstützung schutzbedürftiger Arbeitnehmer,
• breiter aufgestelltes Gesundheitsleistungsangebot (Arbeitsmedizin, ambulante Medizin, Telemedizin),
• Einführung kollektiver Vorsorgeuntersuchungen und Ausbau der Telekonsultation

Ein weiterer wichtiger Punkt: Zugang junger Erwerbspersonen zum Arbeitsmarkt über die Zeitarbeit. Prism‘emploi „bedauert, dass es für Zeitarbeitsverträge von mehr als drei Monaten nicht wie für befristete Arbeitsverträge von mehr als drei Monaten keine Beihilfen bei Einstellung junger Arbeitnehmer unter 26
Jahren gibt.“Ein weiterer wichtiger Punkt: Zugang junger Erwerbspersonen zum Arbeitsmarkt über die Zeitarbeit.

Ganz allgemein sind sowohl die Entwicklung jeder Art von konkreter Kooperation im Rahmen regionaler Investitionsabkommen als auch Vereinbarungen mit den verschiedenen Akteuren der öffentlichen Beschäftigungsförderung (Arbeitsamt, kommunale Einrichtungen zur Unterstützung benachteiligter Jugendlicher usw.) allesamt gute Ansatzpunkte dafür, dass sich private und öffentliche Akteure gemeinsam effizient für die Beschäftigung einsetzen können.

 

Bilanz des Jahres 2020 in der Zeitarbeit

Unterzeichnung von 10 paritätischen Abkommen oder Beschlüssen innerhalb eines Jahres
Zu den Abkommen und Beschlüssen, die die Zeitarbeitsbranche betreffen, gehören:
• Wahrung von Sicherheit und Gesundheit während eines Zeitarbeitseinsatzes
• Interessenvertretung der Zeitarbeitspflegekräfte, die die vorgesehene „Covid-Prämie“ für Pflegepersonal im Kontakt mit Corona nicht erhalten haben
• Weiterbildung (Abkommen am 22.01.2021 unterzeichnet)
• Abkommen betreffend die Personalplanung (unterzeichnet am 10.07.2020)
Das Abkommen vom 10.07.2020 legte mit mehreren gemeinsamen Zielen der Tarifpartner „das Fundament für die Branchenpolitik in Sachen Personalplanung“; zu den gemeinsamen Zielen zählen:
• Ermittlung und Erfassung der Qualifikationen der Zeitarbeiter,
• Bewertung der Abweichungen der Diagnose von der tatsächlichen Entwicklung,
• Ausarbeitung von Aktionsplänen, insbesondere im Weiterbildungsbereich.

Diese Umschulungsprogramme, die sich insbesondere an Personen richten, die einem hohem Risiko des Arbeitsplatzverlustes ausgesetzt sind, erhalten durch den Einsatz von Ressourcen und Angeboten der paritätischen Fortbildungsstelle der Branche „AKTO“ und des Finanzierungsfonds „FPE TT“ finanzielle Unterstützung von der Branche.

Wirtschaftsbilanz
• Im Jahr 2020 hatte die Zeitarbeitsbranche einen Rückgang von 23,6 % zu verzeichnen, was einem Wegfall von beinahe 185 000 Stellen entspricht. So wurden durchschnittlich 594 000 Zeitarbeiter von den Zeitarbeitsfirmen vermittelt, was das in den Jahren 2016 bis 2018 erreichte Wachstum der Branche zunichtemachte und sie auf das Niveau von 2015 zurückwarf.Die Monate Januar und Februar 2020 wiesen einen vergleichbaren Trend wie der Vorjahreszeitraum auf.
• Die Monate Januar und Februar 2020 wiesen einen vergleichbaren Trend wie der Vorjahreszeitraum auf.
• Mitte März (Beginn des ersten Lockdowns) gingen die Arbeitsnehmerüberlassungen um 65 % zurück und blieben während des gesamten Lockdowns auf diesem Stand.
• Die wirtschaftlichen Folgen dieses Einbruchs, der im April und Mai bei ca. 50 % lag, konnten im genannten Zeitraum durch Kurzarbeit abgefedert werden.
• Die Wiederöffnungsmaßnahmen im Juni haben automatisch zu einer Erholung der Zahlen geführt; diese ging jedoch langsam vonstatten, war verhalten und ungleichmäßig auf die unterschiedlichen geographischen Gebiete verteilt.
• Den „Höhepunkt“ des zweiten Halbjahres stellte mit -10,3 % der Monat Oktober dar.
• Der zweite Lockdown im November wirkte sich durch einen erneuten Rückgang der Branchentätigkeit aus (-14,5 %, das heißt die Entwicklung im Vergleich zum Vorjahr war um 4,2 Prozentpunkte schlechter als im Oktober). Im Vergleich zum ersten Lockdown fiel die Schmälerung der Geschäftstätigkeit jedoch relativ gering aus.
Große Schäden erlitten hingegen die direkt von der Gesundheitskrise betroffenen Sektoren (Hotellerie/Gastronomie, Eventmanagement, Tourismus, Luftfahrt etc.).
• Im Dezember zu beobachtende Aufholeffekte konnten einen Teil der im November weggefallene Stellen
ausgleichen (Entwicklung im Vergleich zum Vorjahr um + 3 Prozentpunkte besser als im November).

Im Dezember wurde der 100.000ste unbefristete Zeitarbeitsvertrag unterzeichnet. Diese Art von Vertrag, welche der Innovationskraft der Branche und dem Einsatz der Unternehmen zu verdanken ist, hat die Gesundheitskrise insbesondere dank der Kurzarbeit also überstanden

Entwicklung nach Branchen
• In der Industrie war 2020 ein Einbruch von 26,9 % zu verzeichnen, womit sie 3,3 Prozentpunkte über dem Durchschnitt aller Branchen lag (-23,6 %).
• Die in der zweiten Jahreshälfte beobachtete Erholung fiel aufgrund der besonders schlechten Lage der Luftfahrt- und Automobilbranche verhaltener als der Durchschnitt aus.
• Im Baugewerbe lag die Abnahme um 28,8 % 5,2 Prozentpunkte über der branchenübergreifenden Entwicklung. Der erste Lockdown war beinahe gleichbedeutend mit einem vollständigen Aussetzen jeglichen Einsatzes von Zeitarbeitern im Zeitraum zwischen Mitte März und Mitte Mai. Anschließend sorgten bis Ende August Aufholeffekte für eine vielversprechendere Entwicklung, als durchschnittlich zu beobachten war. Seit September hat sich die Lage jedoch wieder verschlechtert.
• Im Handel war ein Rückgang von 19,5 % zu verzeichnen, womit die dortige Situation um 4,1 Prozentpunkte besser als der Durchschnitt ausfiel.
• Da der private Konsum 2020 weniger von der Krise beeinträchtigt war als die Wirtschaftstätigkeit, war die Zeitarbeit im Handel deutlich weniger von Stellenstreichungen betroffen, als dies branchenübergreifend der Fall war.
• Die Transport- und Logistikbranche hob sich mit einer Schmälerung von lediglich 3,8 % und somit mit einem Ergebnis, das 9,8 Prozentpunkte über dem branchenübergreifenden Durchschnitt lag, deutlich von den restlichen Wirtschaftssektoren ab.
• Der E-Commerce und Logistikplattformen haben ihre Geschäftstätigkeit vor dem Hintergrund der Gesundheitskrise in der zweiten Jahreshälfte aufrechterhalten, wenn nicht sogar steigern können.
• Während der Dienstleistungssektor 2018 und 2019 als Garant für solides Wachstum galt, büßte die Zeitarbeit 2020 in eben diesem Bereich 28,6 % ein; die Branchenentwicklung fiel somit 5 Prozentpunkte schlechter als der Durchschnitt aus.
• Der Wiederanstieg im zweiten Halbjahr gestaltete sich aufgrund verschiedener dauerhaft rezessionsgeschädigter Bereiche wie der Hotellerie und Gastronomie, Kultur und Freizeit zaghafter als der Durchschnitt.

 

https://rh.newstank.fr/fr/article/view/207942/travail-temporaire-peut-etre-force-motrice-relance-gilles-lafon-prism.html